Historischer Abriss

Ein historischer Abriss über die Ottilienquelle, das Inselbad und die „Curanstalt Inselbad bei Paderborn“.

Historische Entwicklung der „Insel“ und ihrer Mineralquellen bis zur Eröffnung des Inselbades im Jahr 1842

Bereits aus dem 16. Jahrhundert ist die gewerbliche Nutzung von sechs Quellen im Gebiet zwischen der Pader und dem Rothebach überliefert, welches aufgrund seiner Eingrenzung durch beide Gewässer früh als „Insel“ bezeichnet worden war. Den Quellen wurde zum einen heilende Wirkung zugeschrieben, zum anderen speisten sie mehrere Fischteiche und trugen so zur Ernährung der regionalen Bevölkerung bei. Der Mediziner und Naturgelehrte Jakobus Theodorus Tabernaemontanus beschrieb in seinem 1581 veröffentlichen Buch „New Wasserschatz“, dem seinerzeit weit verbreiteten Standardwerk über die Heilquellen in deutschen Landen, den „Roderbrunn bey der Statt Baderborn“1 als eine „Erdbechisch Wasser“2 enthaltende Quelle.

Über die Eigentumsverhältnisse und die konkrete Nutzung des Geländes zwischen Pader und Rothebach liegen erst seit dem frühen 18. Jahrhundert verlässliche Informationen vor. So ist bekannt, dass sich die sogenannte „Insel“ um 1700 im Besitz der Familie von Kanne befand. Der Domkapitular Freiherr von Kanne verkaufte diese während der Amtszeit von Abt Pantaleon Bruns (1709-1727) für 1300 Taler an das Abdinghofkloster. Das fortan „Benediktinerinsel“ oder „Möncheteich“ bezeichnete Areal nutzten die Mönche als sommerliches Refugium und für den Gartenbau. Zu diesem Zwecke errichteten sie ein zweistöckiges Gartenhaus mit großem Saal sowie eine steinerne Brücke, die als Zugang diente.

Nachdem 1802 das Paderborner Land im Zuge der Säkularisation an das Königreich Preußen gefallen war, schrieb die königlich-preußische Domänenverwaltung die Benediktinerinsel am 6. April 1803 zur Pacht aus. Ob tatsächlich ein Pachtvertrag zustande kam, ist nicht bekannt. Bedingt durch die napoleonischen Kriege und die Neuordnung Europas ging die Insel zwischenzeitlich in den Besitz des Königreiches Westfalen über, ehe es 1813 abermals dem Königreich Preußen zugesprochen wurde. Am 20. Juli 1815 erwarb Wilhelm Anton Möller das 6,74 Morgen3 große Grundstück von der königlich-preußischen Domänenverwaltung. Der Kaufpreis betrug 644 Reichstaler zuzüglich einer jährlichen Zahlung von 30 Reichstalern. Erstmals finden sich nun in den Dokumenten Hinweise auf ein Kaffeehaus, in dem öffentliche Festveranstaltungen durchgeführt wurden.

Bei dem Gebäude könnte es sich um das vormalige Gartenhaus der Benediktiner gehandelt haben. Im Jahre 1830 übernahm Anton Möllers Sohn Ferdinand den Besitz. Dieser verkaufte aus nicht überlieferten Gründen das Anwesen zum 13. Januar 1836 an Franz Xaver Evers, der es bereits Ende selbigen Jahres an den Kürschner Heinrich Linnenbrink veräußerte. Vermutlich hatte Linnenbrink weiteres Gelände erworben, denn am 24. Februar 1840 annoncierte er im Paderbornschen Intelligenzblatt, dass er die nunmehr rund 10 Morgen4 große Benediktinerinsel mit Garten und Wiese sowie einem großen Graben, der für die Fischzucht genutzt würde, für fünf oder zehn Jahre zu verpachten gedenke. Die auf dem Areal befindlichen Mineralquellen, das Kaffeehaus und die Nebengebäude wären geeignet, „mit wenigen Kosten eine sehr vorteilhafte Badeanstalt“5 einzurichten. Ein Pächter fand sich anscheinend nicht. Folglich verkaufte Linnenbrink die Liegenschaft am 29. August 1841 an den Goldarbeiter Franz Anton Evers. Im notariell beglaubigten Vertrag ist festgehalten, dass die Insel mehrere Quellen in einem Kreis von rund 40 Fuß beherberge, deren Temperatur konstant 14 1⁄2 0R betrage.6 Die letztgenannte Angabe deckt sich mit jenen späterer Jahre.

Möglicherweise angeregt durch den seit den 1830er Jahren zu beobachtenden Aufschwung des Bade- und Kurwesens, welcher sich insbesondere in den nahe gelegenen Sanatorien in Lippspringe, Meinberg und Driburg beobachten ließ, versuchte der neue Besitzer einen profitablen Bade- und Heilbetrieb aufzuziehen. So beauftragte er 1841 und 1844 den Chemiker Dr. Witting und den Hofrath Brandes mit einer Analyse des Quellwassers. Ihre nicht publizierten Ergebnisse belegten seinen außergewöhnlichen hohen Schwefelgehalt und damit die Heilwirkung. Zudem ließ Evers den Quellverlauf genauer erkunden und ein 36 Fuß7 langes Rohr verlegen. Mit Hilfe eines weiteren, 12 Fuß8 hohen Rohres sprudelte die Quelle deutlich stärker als zuvor und bot damit eine ergiebigere Grundlage für den Badebetrieb. Schließlich investierte er in den Bau eines 23 x 10 m großen Schwimmbeckens und in ein einstöckiges Badehaus. Mehrere Wirtschaftsgebäude ergänzten die Einrichtung. Das bereits erwähnte Gartenrestaurant einschließlich einer gedeckten Kegelbahn verpachtete Evers an den Gastwirt Jean Lindemann, über den keine weiteren Informationen vorliegen.

Die öffentliche Badeanstalt „Inselbad bei Paderborn“ (1842-1856)

Rechtzeitig zu Beginn der warmen Jahreszeit eröffnete Franz Anton Evers am 13. Mai 1842 die Badeanstalt für die Paderborner Bevölkerung. Während der Saison von Mai bis September wurden 2000 bis 3000 Bäder verabreicht – ausschließlich an Männer.

Auch wenn Evers frühzeitig die Heilkraft der Quellen erkannt hatte und den offenen Badeort zur Behandlung von Lungenleiden nutzte, fehlte ihm das notwendige Kapital, um einen ordentlichen, sprich regional konkurrenzfähigen Kurbetrieb einzurichten. Nur so ist sein aussagekräftiges Verkaufsinserat vom 15. Dezember 1847 zu erklären, welches die Vorzüge des Anwesens benannte.9 Danach verfügte die „Benediktiner-Bade- Insel“ über einen Mineralbrunnen, eine Badeanstalt, mehrere Wirtschaftsgebäude, eine gedeckte Kegelbahn sowie weiteres Wirtschafts- und Viehinventar. Das gesamte Grundstück umfasste ca. 7 Morgen10, davon 4 Morgen11 Gartenboden vorzüglichster Qualität mit ca. 400 Obstbäumen sowie 2 Morgen12 Wiesen. Das Gartengemüse könnte auf dem gut zu erreichenden Paderborner Wochenmarkt gewinnbringend verkauft werden. Mehrere Fischteiche umgaben das ganze Ensemble. Ihre Wasserpegel waren regulierbar und eigneten sich hervorragend für die seinerzeit medizinisch bedeutsame Blutegelzucht.

Über einen erfolgreichen Verkauf liegen keine Dokumente vor. Überhaupt dürfte sich die wirtschaftliche Situation für den Betreiber erheblich zugespitzt haben, als am 6. Oktober 1849 ein Brand das Badehaus zerstörte. Offenkundig ließ Evers das Gebäude rasch wieder errichten und 1851 zudem ein Schwimmbecken ausheben, das mit 24x10 m eine recht beachtliche Größe aufwies. Jetzt verfügte Paderborn über das erste Freibad seiner Geschichte. Die Finanzierung in Höhe von 2500 Talern übernahm eine Gesellschaft Paderborner Honoratioren.

Die offene „Curanstalt Inselbad bei Paderborn“ (1857-1878)

Über die Entwicklung während der frühen 1850er Jahren wissen die Quellen wenig zu berichten. Vermutlich lief der Bade- und Heilbetrieb auf bescheidenem Niveau weiter. Schließlich aber fand sich mit dem Dortmunder Kommerzienrat Friedrich Wiesehahn doch ein finanzkräftiger Investor. Offenbar hatten ihn mehrere erfolgreiche Kuraufenthalte seiner lungenkranken Gattin Ottilie von der Heilkraft der Quellen überzeugt und bei ihm den Entschluss reifen lassen, das Inselbad zu erwerben und zu einem profitablen Kurbetrieb auszubauen – eine in der damaligen Zeit weit verbreitete Geschäftsidee. Wiesehahn setzte sein Projekt in vier Schritten um.

Erstens erwarb er das Grundstück am 10. Mai 1856. Zudem erweiterte er durch Zukauf von rund 10 Morgen Land, welches zwischen der Pader und der Rothe gelegen war und der Stadt Paderborn gehörte, das gesamte Grundstück auf 16 Morgen.13 Die alten Gebäude ließ Wiesehahn abreißen und ein neues Kurhaus, eine Kolonnade und ein einstöckiges Badehaus errichten. Nunmehr konnten auch warme Bäder und zusätzliche balneologische Maßnahmen verabreicht werden, was mit Blick auf die Wettbewerber in Lippspringe, Meinberg und Driburg eine notwendige Angebotserweiterung darstellte. Neben der Ottilienquelle wurden noch die Marien- und Badequelle für den Heilbetrieb genutzt.

Zweitens stellte er qualifiziertes Personal ein. Mit Johann Conrad Hörling (1819-1883) als verantwortlichem Badearzt verfügte die Curanstalt nicht nur über einen erfahrenen, sondern auch publizistisch rührigen Mediziner. Drittens sorgte Wiesehahn für ein effizientes Marketing bezogen auf die medizinisch-therapeutischen Qualitäten seiner Einrichtung. Um den Bekanntheitsgrad und das überregionale fachliche Ansehen zu stärken, beauftragte sein Verwalter H. Becker den renommierten Heidelberger Chemiker Professor Ludwig Carius mit einer neuerlichen chemischen Analyse, die 1866 in der seinerzeit führenden Fachzeitschrift publiziert wurde.14 Untersuchungen des Leipziger Chemikers Ernst von Meyer aus dem Jahre 1873 untermauerten die hervorragende Qualität des Ottilienquellwassers.15 Auch dass Wiesehahn die zentrale Quelle zu Ehren seiner Gattin „Ottilienquelle“ nannte, dürfte keineswegs nur Ausdruck persönlicher Zuneigung gewesen sein. Wahrscheinlich kamen ökonomische Marketingüberlegungen hinzu, weckte der Name bei den Zeitgenossen schließlich Assoziationen an die heilige und heilkundige Ottilie. Viertens sorgte Wiesehahn für ein abwechslungsreiches Kurangebot mit Konzerten, Freizeitbetätigung u. a. m.

Nach rund einjähriger Um- und Ausbauarbeiten fand die offizielle Eröffnung zum Saisonbeginn am 21. Mai 1857 statt. Tatsächlich lockte das Sanatorium in den kommenden Jahren zahlreiche Gäste außerhalb der Region an, wobei die Saison weiterhin auf die Monate zwischen Mai und September beschränkt blieb. Allerdings litt die „Curanstalt Inselbad“ erheblich darunter, dass sie als offene Einrichtung auch der einheimischen Bevölkerung zugänglich war. Die vergnügungslustigen Paderborner Besucher rauchten, sprachen wohl auch dem Alkohol zu und belästigten die ebenso ruhe- wie erholungsbedürftigen auswärtigen Kurgäste. Offenkundig mehrten sich die Konflikte und auf lange Sicht waren solche Verhältnisse einem reibungslosen Kurbetrieb abträglich. Es ist zu vermuten, dass Friedrich Wiesehahn im Jahre 1876 nicht nur aus Altersgründen, sondern auch wegen der ständigen Auseinandersetzungen mit der Paderborner Bevölkerung das Inselbad an den Holzhändler Bäumer aus Lünen bei Dortmund verkaufte. Dieser setzte dem bislang einstöckigen Badehaus ein zweites Stockwerk oben drauf und errichtete ein Konzerthaus im Park. Ansonsten aber scheint er vom balneologischen Kurbetrieb wenig verstanden zu haben. Sein Nachfolger Dr. Brügelmann klagte jedenfalls über den katastrophalen baulichen Zustand der Einrichtung, über ungeeignetes Personal und den schlechten Ruf als Sanatorium.

Die geschlossene „Curanstalt Inselbad bei Paderborn“ (1878-1912)

Zum 1. Februar 1878 übernahm der aus Köln stammende Dr. Brügelmann16 das Inselbad, zuerst als Pächter, ab dem 30. März 1881 dann als Eigentümer. Dr. Brügelmann hatte bereits in Köln eine Lungenheilanstalt geleitet und beabsichtigte nun, das Paderborner Inselbad zu einer großen Kureinrichtung mit überregionaler Strahlkraft zu entwickeln. Sein Konzept unterschied sich wesentlich vom bisherigen. Um das konfliktträchtige Nebeneinander von Kur- und öffentlichem Badebetrieb zu beenden, schloss Brügelmann das Schwimmbassin, den Park und die Gastwirtschaft für das allgemeine Publikum. Des Weiteren erwarb er den benachbarten Turnplatz von der Stadt Paderborn und integrierte ihn in die Parkanlage. Das Sanatorium verfügte über ein repräsentatives Kurhaus, das die Bäderarchitektur seiner Zeit wiederspiegelte.

Es beinhaltete Gesellschaftsräume, Speisesäle, ein Lese- und ein Billardzimmer, Büros sowie das Sprechzimmer des behandelnden Arztes. Über eine 140 m lange, überdachte und windgeschützte Kolonnade gelangte man zum eigentlichen Badehaus mit Behandlungsräumen und unbeheizten Gästezimmern. Im Untergeschoss befanden sich die Einrichtungen für Bäder mit unterschiedlichen Zusätzen, für Moorbäder (Meinberger Moor) und elektrische Lichtbäder sowie ein Gymnastikraum.

Das medizinisch-therapeutische Angebot umfasste die Behandlung von Lungentuberkulose, Asthma, Nervenkrankheiten, inneren Krankheiten, Affektionen der Schleimhäute, Gicht sowie harnsaurer Diathese. Die Eröffnung des Sanatoriums war noch entsprechend der traditionellen Badesaison auf den 10. Mai 1878 terminiert. Brügelmann dehnte aber den Kurbetrieb, der sich bislang nur über die Frühlings- und Sommermonate erstreckt hatte, über das gesamte Jahre aus und verbesserte damit die wirtschaftliche Grundlage. Nach eigener Aussage gab es im Deutschen Reich mit den Görbersdorfer Anstalten und der Heilanstalt Falkenstein/Taunus nur noch zwei vergleichbare Einrichtungen. Die Aussage scheint sehr hoch gegriffen, aber immerhin zeugen zahlreiche Erwähnungen in einschlägigen Bäderführern und Fachpublikationen jener Zeit von der überregionalen Bekanntheit des Sanatoriums.17 Brügelmanns Konzept erwies sich als betriebswirtschaftlich tragfähig. Die Zahl der Gäste stieg laut Westfälischem Volksblatt vom 30. August 1881 auf 218 Kur- und Badegäste; in jüngster Zeit hätten 23 zum Teil sehr renommierte Ärzte ihre Patienten nach Paderborn überwiesen, darunter auch russische Aristokraten. Die Herbstsaison galt mit Konzerten der Militärkapelle des 181. Infanterieregiments als besonderer Höhepunkt.

Obwohl die Paderborner Bevölkerung durchaus vom Kurbetrieb finanziell profitierte, erwähnt seien nur die Übernachtungen zahlreicher Kurgäste in der Stadt, der private Transportservice zwischen Bahnhof und Sanatorium oder auch das Steueraufkommen der Einrichtung, gestaltete sich das beiderseitige Verhältnis problematisch. Die Paderborner Bevölkerung wie auch der Magistrat kritisierten heftig das geschlossene Konzept, welches auch Exklusivität im wörtlichen Sinne abzielte. Das Volk durfte nicht mehr baden. Problematischer sollte sich die Einleitung übelriechender städtischer Abwässer auf die nahe gelegenen Rieselfelder auswirken, da sie den Kurbetrieb ernstlich gefährdeten. Dabei hatte die Stadt vertraglich am 23. Juni 1886 zugesichert, keine Fäkalien in den Berieselungsgraben zu leiten und die Abwässer des Schlachthofes auf ferner gelegene Wiesen zu leiten. Im Antwortschreiben vom 29. Juni 1886 erklärt Brügelmann dem Paderborner Bürgermeister, dass er mit der Anlage nur unter diesen Bedingungen einverstanden wäre. Da die Stadt ihre Zusage nicht eingehalten hatte, zog Dr. Brügelmann seit 1887 gegen die Stadt Paderborn vor Gericht.18 Im Laufe des langjährigen Rechtsstreites kamen weitere Streitpunkte zur Sprache. So beschwerte sich Brügelmann über die erheblichen Geruchsbelästigungen, die von dem in der Nähe errichteten städtischen Schlachthaus am Tegelweg ausgingen. Zudem hätten städtische Baumaßnahmen die Marienquelle versiegen lassen und auf diese Weise die betriebswirtschaftliche Existenz der Anstalt gefährdet. Verschiedene Gutachten sollten Klarheit in diesen Punkten verschaffen. Der Prozess durchlief mehrere Instanzen, das endgültige Urteil wurde 1907 gesprochen. Das Königliche Landesgericht Paderborn gab Dr. Brügelmann erstinstanzlich Recht. Im letztinstanzlichen Urteil sprach das Oberlandesgericht Hamm am 9. November 1906 Dr. Brügelmann eine Entschädigungszahlung durch die Stadt Paderborn in Höhe von 51.541 M zu.19 Dabei handelte es sich im Vergleich zu ähnlich gelagerten Streitfällen in jener Zeit um eine sehr beachtliche Summe.

Bereits 1900 hatte Brügelmann einen Schlussstrich unter die für ihn so belastende Angelegenheit gezogen. Er verkaufte das Sanatorium an den aus Dessau stammenden Apotheker Hermann Fischer, der jedoch bereits nach wenigen Monaten am 14. August 1900 verstarb. Seine Witwe Gertrud Fischer führte den Betrieb bis zum 31. Juli 1906 fort. Sie ließ einen Tennisplatz anlegen und vergrößerte den Park mit altem Baumbestand, zahlreichen Lauben sowie einem Teich auf 27 Morgen.20

Das Freizeitangebot wies ein reichhaltiges Spektrum auf, welches Kahnfahrten, Tennis, Boggia, Croquet, Turnen, Radfahren, Gartenarbeit, Kegeln, Federball, Ballspiele, Angeln und Konzerte umfasste. Weitere Investitionen brachten das Sanatorium auf den seinerzeit modernen Stand der Technik. Das mit elektrischer Lichtanlage und Zentralheizung ausgestattete Haupthaus verfügte über ein Billardzimmer, eine Bibliothek, einen Speisesaal und 50 Gästezimmer. Über den 140 m langen, windgeschützten, ebenfalls elektrisch beleuchteten Wandelgang gelangte man zum Badehaus. Hier mündete in der Trinkhalle die Ottilienquelle. Im zweiten Stock befanden sich unbeheizte, daher nur im Sommer bewohnte Logierzimmer sowie die Privatwohnung des dirigierenden Arztes. Des Weiteren fanden sich hier die medizinische Abteilung mit einem modernen Röntgenkabinett und Apparaten für elektrische Lichtheilverfahren.

Von den ursprünglich drei Quellen wurde nur noch die Ottilienquelle für Kurzwecke verwendet. Ein um 1900 gedrucktes Prospekt pries die zahlreichen Vorzüge des Sanatoriums. Als „erste und hervorragendste Specialanstalt für Asthma in Deutschland“ böte es Therapien für etliche Lungenkrankheiten wie Asthma, Emphysem, chronischer Bronchialkatarrh und Residuen von Lungen- und Brustfellentzündungen. Auch die damalige „Modekrankheit“ Nervosität in Folge geistiger Überarbeitung und in Form von funktioneller Neurosen, Neurasthenie oder Hysterie könnte gelindert werden. Des Weiteren stünden Frauenleiden, Herz- und Kreislauferkrankungen, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Fettsucht oder auch Anämie, Verdauungsprobleme, Fehlfunktionen von Blase und Niere auf dem Behandlungsplan. Der ganzheitliche Therapieansatz gewähre auch allgemein Erholungsbedürftigen Aussicht auf einen erfolgreichen Kuraufenthalt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts bot das Sanatorium keine Inhalationskuren mehr an, sie wurden durch Therapien im Soledunstzimmer ersetzt. Ab 1903 wurden auch keine Fälle von offener TBC behandelt. Ein dauerhafter wirtschaftlicher Erfolg war Gertrud Fischer trotz aller Bemühungen nicht beschieden. Dafür spricht u. a. der Hinweis in der 1903 vom „dirigierenden Arzt“ Dr. Heim verfassten Schrift anlässlich des 25-jährigen Jubiläum auf die dringende Notwendigkeit, die Qualität des Inselbades den überweisenden Ärzten und potentiellen Kurgästen vorzustellen. Bereits zum 31. Juli 1906 sah sich Gertrud Fischer gezwungen, das Sanatorium an den Unternehmer Josef Postinet aus Duisburg-Ruhrort zu verkaufen. Dieser veräußerte vermutlich aufgrund finanzieller Zwänge das Gelände zwischen Pader und Rothe an den Landkreis, der dort 1908 ein Gebäude für eine Winterschule errichtete. Allerdings nahmen die Probleme weiter zu. Laut einem Beschluss des Regierungspräsidenten vom 18. Juli 1907 erhielt die „Curanstalt Inselbad“ wegen baulicher Mängel keine Konzession. Offenkundig hatten die finanziellen Nöte weitere Investitionen nicht erlaubt. Aber der Inhaber Josef Postinet weigerte sich, die Auflagen der Behörden zu akzeptieren. Hinzu kam, dass die Paderborner Kreissparkasse als Inhaberin der ersten Hypothek angesichts eines eingetragenen Schuldenberges von 300.000 M den Antrag stellte, das Sanatorium unter Zwangsverwaltung zu stellen.21 Vor diesem Hintergrund kaufte im Februar 1908 die vorherige Besitzerin Gertrud Fischer das Sanatorium zurück, willens die behördlichen Auflagen zu erfüllen. Offiziell führte sie seit dem 1. Juli 1908 wieder die Geschäfte.

Um die betriebswirtschaftliche Basis solide zu gestalten, gründete Gertrud Fischer die „Ottilienquelle GmbH zu Paderborn (in Gründung begriffen)“ am 28. September 1909. Ihr Zweck war der Ausbau des Heil- und Tafelwassergeschäfts und der Vertrieb im In- und Ausland. In der Investorenbroschüre unterstrichen die Initiatoren die lange Tradition der Ottilienquellen und die hohe Qualität ihres Wassers. Die Quelle unterliege keinem Einfluss von Regen oder langanhaltender Trockenheit. Der Gehalt an Kieselsäure im Quellwasser sei außerordentlich gering, was auf nur wenige organische Substanzen und damit eine lange Haltbarkeit des Mineralwassers hinweise. Als Gründungsgesellschafterin brachte Gertrud Fischer ein 2 Hektar großes Areal mit der Ottilienquelle und dem Schwimmbecken, das Hauptgebäude, das Maschinengebäude mit einer 15 PS-Dampfmaschine, eine Halle mit der Abfüllvorrichtung für 10.000 Flaschen pro Tag, das Flaschenlager sowie 200.000 Mark in die Gesellschaft ein. Die übrigen Gesellschafter sollten 400.000 M einbringen, die auf dem Sanatorium lastende Hypotheken übernehmen und einen Betriebsfond über 340.000 M speisen. Angeblich betrug der bisherige Jahresgewinn entsprechend einer Verzinsung von 100.000 M. Als Ziel wurden die Abfüllung und der Vertrieb von 5 Mio. Flaschen pro Jahr ausgegeben. Der maximale Ausstoß sollte bei 8 Mio. Flaschen liegen und einen Jahresprofit von 150.000 M einbringen.

Über die tatsächliche Entwicklung liegen derzeit keine genauen Zahlen vor. Immerhin weisen Auslieferungslager in Soest, Werl, Delbrück und die dokumentierte Direktversorgung ins Sauerland nach Arnsberg, Winterberg, Bestwig, Olsberg und Brilon auf einen überregionalen Absatzmarkt hin. Nachdem die Füllanlage am 27. März 1945 vollkommen zerstört wurde, konnte das Füllhaus bis 1948 wieder errichtet und der Betrieb wieder aufgenommen werden. Abfüllung und Vertrieb der Ottilienquelle wurde 1965 eingestellt.

Alle Maßnahmen vermochten aber die Curanstalt Inselbad nicht in ruhige wirtschaftliche Fahrwasser zu führen. Am 7. März 1912 verkaufte Gertrud Fischer den Beitrieb schließlich an den Landrat von Laer, der dann im September desselben Jahres die Schließung des Inselbad-Sanatoriums veranlasste.

Öffentliche Inselbad (1912-1948)

Das Inselbad wurde als öffentliches Freibad bis nach dem Zweiten Weltkrieg weitergeführt. Im Frühjahr 1933 pachtete der Paderborner Schwimmverein das Inselbad, erweiterte das Becken und die Liegewiese.

Am 18. Juni 1933 wurde das solchermaßen aufgewertete Bad offiziell eingeweiht, für den Badebetrieb öffnete es bereits am 20. Mai 1933 seine Pforten.22 1945 waren die Eingangshalle sowie die Umkleiden zerstört worden. Die Instandsetzung erfolgte wiederum durch den Paderborner Schwimmverein.23 Nach 1945 bot das Inselbad bis mindestens 1948 als einziges von ursprünglich vier Paderborner Freibädern der Bevölkerung Erfrischung. Wegen des kleinen Beckens war das Wasser aber rasch abgestanden und von schlechter Qualität.

Die von 1912 bis 1925 betrieben Gaststätte blieb bis Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend ungenutzt, ehe das Gebäude den Bomben zum Opfer fiel. Das Holz der Badekabinen nutzte die notleidende Paderborner Bevölkerung als Brennmaterial.24

Das Hauptgebäude wurde in den folgenden Jahrzehnten in ganz unterschiedlicher Weise genutzt. Die am 2. Oktober 1912 eröffnete Kreishaushaltungsschule musste mit Kriegsbeginn am 1. August 1914 einem Reservelazarett weichen. Dieses wurde bis zum Juli 1918 fortgeführt, ehe es in eine Kriegerheilstätte und Ausbildungsstätte für Kriegsbeschädigte umfunktioniert wurde. Am 20. Juli 1915 attestierte ein Gutachten über die Einrichtung des Inselbades als orthopädische Heilanstalt dessen Tauglichkeit. Licht und Belüftung wären sehr gut, eine zentrale Warmwasser-Niederdruckheizung und elektrisches Licht sorgten für angemessenen Komfort. Der Anschluss an das städtische Wasserleitungsnetz sei vorhanden, ebenso Aborte in ausreichender Anzahl, des Weiteren Spülklosetts mit Spülkasten. Die Abfuhr der Fäkalien in die nahegelegene Landwirtschaft funktioniere. Ein großer Garten biete Erholung, die Halle für Turnübungen sei ausreichend. Das Hauptgebäude verfüge über Badezimmer mit Wanne und Brause sowie über eine transportable Badewanne. Auch das Badehaus genüge mit seinen Einrichtungen für elektrische Licht-, Heißluft- und Dampfbädern, dem Raum für Handfertigkeitsunterricht modernen Anforderungen; Das Gebäude befinde sich in einem zufriedenstellenden Zustand, auch wenn Boden, Tapeten und Beleuchtung der Flure der Renovierung bedürften. Am 9. November 1915 teilte das Regierungspräsidium mit, dass es keine Einwände gegen Einrichtung einer orthopädischen Heilanstalt erhebe.25

Bis zum Jahre 1923 behielt es diese Einrichtung. Von 1923 bis zum Juli 1932 logierte das Landessekretariat des Volksvereins für das katholische Deutschland. Unter Leitung von Anton Heinen sollte hier im unbesetzten Teil des Deutschen Reiches ein Bildungsheim als Zwischenlösung errichtet werden. Zum 31. März 1932 gab der Volksverein aus Kostengründen das Haus auf, es hielten der Technische Notdienst und der freiwillige Arbeitsdienst Einzug.


  1. Tabernaemontanus, Jacobus Theodorus: New Wasserschatz. Das ist: Von allen heylsamen Metallischen Minerischen Bädern und Wassern … Francfurt am Main 1581, S. 569. 

  2. Ebenda. 

  3. Rund 1,7 ha. 

  4. Rund 2,5 ha. 

  5. Paderbornsches Intelligenzblatt Nr. 18 vom 29.2.1840, S. 115. 

  6. Der Wert entspricht der seinerzeit in Europa üblichen Temperaturskala Réaumur und beträgt umgerechnet 18,125 0C. 

  7. Ca. 10 m. 

  8. Ca. 3,5 m. 

  9. Gemeinnütziges Wochenblatt für Kreis und Stadt Paderborn vom 15.12.1847. 

  10. Rund 1,75 ha. 

  11. Rund 1 ha. 

  12. Rund 0,5 ha. 

  13. Rund 4 ha. 

  14. Carius, Georg Ludwig: Untersuchung der Mineralquellen des Inselbades bei Paderborn. In: Justus Liebigs Annalen der Chemie 137 (1866) 1, S. 106-113. 

  15. Meyer, Ernst von: Über die Quellengase des Inselbades (bei Paderborn) und deren Verwendung bei Inhalation. In: Journal für praktische Chemie (NF), 7 (1873) 1, S. 181-190. Meyer, Ernst von: Ueber die Beschaffenheit des im Inselbad bei Paderborn zur Inhalation gebrachten Gases. In: Journal für Praktische Chemie (NF), 6 (1873) 1, S. 360-367. 

  16. Dr. Wilhelm Brügelmann; geb. 13.5.1845 in Cromfort bei Düsseldorf; gest. unbekannt; 1878-1899 wohnhaft in Paderborn, Fürstenweg 278; 1899 Umzug nach Berlin, Südende. 

  17. Stellvertretend für andere sei hingewiesen auf: Bäder-Almanach. Mittheilungen der Bäder, Luftkurorte und Heilanstalten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den angrenzenden Gebieten für Ärzte und Heilbedürftige. 7. Aufl., Berlin 1898, S. 502-503. Weitere Nachweise im Quellenverzeichnis. 

  18. Schreiben Brügelmann an Magistrat der Stadt Paderborn, 5.6.1887 (StA Paderborn, A 1726). 

  19. Hierzu ausführlich die Prozessakten „Brügelmann I und II (StA Paderborn, A 1726 und 1727). 

  20. Rund 67,5 ha. 

  21. Paderborner Anzeiger, 25.12.1907 unter Berufung auf die Kölner Volkszeitung. 

  22. Schreiben I. Paderborner Schwimmverein an Bürgermeister Stadt Paderborn, 18.5.34 (StA Paderborn, A 4397). 

  23. Westfälische Zeitung vom 6.6.1947, S. 3. Bericht über den Zustand der Paderborner Badeanstalten, 14.5.1945: (StA Paderborn S 1/10/27). 

  24. Westfälische Zeitung vom 14.10.1948, S, 4. 

  25. LA Detmold, D 102, Nr. 35.